«Wir sind keine Gäste in diesem Land»
Ist der Regierungswechsel eine gute oder eine schlechte Nachricht für die rund 300’000 Christen im Land? Die einheimische Christin Juliette (Name geändert) teilt ihre Gedanken über ihr Leben, die Veränderungen und die Zukunft, die vor ihr liegt.
«Syrien ist heute wie ein neugeborenes Kind, das vorsichtig seinen Weg sucht. Ich glaube, dass das Ende des Assad-Regimes ein entscheidender Moment für unser Land ist – eine Chance, ein neues, hoffnungsvolleres Kapitel für das syrische Volk aufzuschlagen.
Als es geschah, hallte Jubel durch die Strassen. Die Szenen wirkten surreal – das Ende einer Ära, die von Angst und Unterdrückung geprägt war. Es gab bewegende Geschichten von Menschen, die nach Jahren der Gefangenschaft wieder mit ihren Familien vereint wurden. Diese Freude, diese Hoffnung, diese Euphorie – das ist aussergewöhnlich.
Die Bilder von Assad sind weg ...
Eines der ersten Dinge, die mir nach dem Umbruch aufgefallen sind: Jahrelang hatten wir Probleme, selbst das Nötigste zu bekommen. Jetzt sehe ich wieder Grundnahrungsmittel auf den Märkten. Importwaren sind auf die Strassen und in die Geschäfte zurückgekehrt.
Wenn ich durch die Stadt gehe, erkenne ich sie kaum wieder. Die überlebensgrossen Bilder der Assad-Familie sind ebenso verschwunden wie die allgegenwärtigen Militärkontrollen.
Noch beeindruckender ist die Welle neuer Initiativen. Überall entstehen lokale Vereine und Jugendgruppen, die sich für das Gemeinwohl einsetzen. Studierende organisieren Aufräumaktionen in den Universitäten und auf den Strassen, Künstler übermalen alte Wandbilder, um die Vergangenheit hinter sich zu lassen. In der Zeit, als die Bäckereien geschlossen waren, wurden Brotverteilungen organisiert, und in vielen Stadtvierteln entstanden Bürgerkomitees für Schutz und Hilfe in der Übergangszeit.
... aber die Angst bleibt
Doch so sehr wir auch feiern – die Angst bleibt. Neben der Euphorie spüre ich Unsicherheit. Denn niemand weiss, was auf uns zukommt.
Gerade für Christen wie mich ist die Situation besonders beunruhigend. Wenn ich in die Kirche gehe, sehe ich das in den Augen der Menschen. Wir alle fragen uns, was diese Veränderungen für uns bedeuten.
Die Ereignisse der letzten Wochen verstärken unsere Sorge. Am 17. Dezember 2024 wurde die griechisch-orthodoxe Erzdiözese in Hama von bewaffneten Männern angegriffen. Sie schossen auf die Mauern der Kirche und versuchten, das Kreuz vom Dach zu reissen.
Kurz vor Weihnachten wurde in der Nähe von Hama ein Weihnachtsbaum angezündet. Ausserdem patrouillierten einzelne Gruppen durch die Städte, vor allem durch christliche Viertel wie in Aleppo und Damaskus, und forderten die Menschen auf, den Hijab zu tragen oder zum Islam zu konvertieren.
«Christen gehören nicht mehr hierher»
Zum Glück scheinen all diese Angriffe von Einzelpersonen ausgegangen zu sein, nicht von den neuen Machthabern. Diese haben die Vorfälle verurteilt und angekündigt, für Sicherheit sorgen zu wollen.
Doch wir Christen müssen in dieser Übergangszeit vorsichtig sein. Wir müssen unseren Glauben und unsere Werte schützen, ohne die ohnehin angespannte Lage weiter anzuheizen.
Ich denke an die Vergangenheit von Hay'at Tahrir al-Sham und frage mich, wie viel Platz für Christen in dem Syrien bleibt, das sie jetzt gestalten. Einige meiner Freunde wurden schon mit Aussagen konfrontiert wie «Christen gehören nicht mehr hierher.»
«Wir sind aus dem Boden Syriens gewachsen»
Trotzdem schöpfe ich Kraft aus meinem Glauben – und aus den Worten des griechisch-orthodoxen Patriarchen in einer Predigt nach dem Umsturz: 'Wir stehen an der Schwelle einer neuen Ära, in der Hoffnung und Licht unser Land erfüllen mögen. Hier in Damaskus erklären wir der Welt: Wir Christen sind aus dem Boden Syriens gewachsen. Wir sind keine Gäste in diesem Land, wir sind nicht gestern oder heute hierher gekommen. Wir gehören zu den uralten Wurzeln Syriens, so alt wie der Jasmin von Damaskus. Wir kommen aus dem apostolischen Antiochien, aus jenem Land, das den Namen Jesu Christi in die Welt getragen hat.»
Christen haben nicht nur ein Recht auf dieses Land – sie haben auch das Recht, zu seinem Fortschritt beizutragen. Das ist unsere Hoffnung. Ich bin vorsichtig optimistisch. Die neue Führung sagt die richtigen Dinge – das ist ein Anfang. Aber der Weg in die Zukunft ist ungewiss.
In dieser Zeit des Wandels wenden wir uns dem Gebet zu und bitten um göttliche Führung. Wir vertrauen darauf, dass Gottes Wille geschieht – für uns und für unser Land.»
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Datum: 27.02.2025
Autor:
Christian Today / Daniel Gerber
Quelle:
Open Doors UK und Irland / Übersetzung: Livenet