Sie rettete den Mann, der sie ermorden sollte
«Ich hörte meine Eltern zu Hause flüstern, wie schrecklich die Kommunisten waren», erinnert sich Virginia Prodan. «Sie unterwarfen sich völlig der Regierung und gaben alle ihre Rechte auf aus Angst, dass sie oder ihre Kinder getötet würden.»
Die Unterwürfigkeit ihrer Eltern gegenüber den Behörden irritierte sie. «Ich fühlte mich verwirrt. Warum hatten sie solche Angst, die Wahrheit zu sagen? Sie kannten sie, aber sie hatten Angst. Als ich älter wurde, merkte ich, dass ich so nicht leben wollte.»
Nach dem Abitur bewarb sich Prodan für ein Jurastudium. Sie hoffte, dort Antworten auf ihre drängenden Fragen zu finden: Was ist Wahrheit? «Ich werde die Wahrheit herausfinden und sie verteidigen», nahm sie sich vor.
«Die Wahrheit existiert nicht»
Der kommunistische Staat führte geheime Akten über alle Bürger. Sie wurde nur zum Studium zugelassen, weil ihre Familie nicht im Widerstand war, sie ihre Eltern nie an die Regierung verraten hatte und sie keine Christen waren. «Ich bestand den Test und wurde zum Jurastudium zugelassen», erzählt sie.
Nach ihrem Abschluss begann sie als Anwältin zu arbeiten. Doch nach einem Jahr geriet sie in eine tiefe Krise. «Ich kam ins Büro, legte meine Aktentasche auf den Schreibtisch meiner Sekretärin und sagte: 'Ich will keine Anwältin mehr sein. Ich kann die Wahrheit nicht finden. Es gibt sie nicht.'»
Ihre Sekretärin war amüsiert und dachte, sie müsse nur auf den Boden der Tatsachen zurückkehren.
Ein besonderer Klient
Kurze Zeit später hatte Prodan einen Mandanten, der anders war als alle anderen. «Er hatte Hoffnung in einem Land ohne Hoffnung. Freude in einer freudlosen Gesellschaft.»
Zuerst hielt sie ihn für verrückt. Doch als sie ihn besser kennenlernte, sagte sie: «Ich möchte das in meinem Leben haben, was Sie in Ihrem Leben haben.» – «Gehen Sie in die Kirche?», fragte er. Jetzt hielt sie ihn endgültig für verrückt. Warum fragte er so etwas? Er kritzelte eine Adresse auf einen Zettel. «Das ist die Adresse unserer Kirche. Kommen Sie nächsten Sonntag?» Zu ihrer eigenen Überraschung – als 25-jährige Anwältin, die als Atheistin aufgewachsen war – antwortete sie tatsächlich: «Ja.»
Wahrheit gefunden
Am Sonntag traf sie ihren Klienten vor der Kirche und nahm im Gottesdienst Platz. Der Pastor begann, aus der Bibel zu lesen: «Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.» (Johannes Kapitel 14, Vers 6)
Diese Worte Jesu trafen sie mit einer Kraft, die nicht von dieser Welt zu sein schien. Sie konnte nicht mehr weghören. «Ich nahm Christus an und liess mich taufen. Er ist für mich ganz real geworden.» Jetzt verstand sie, dass Gott sie die ganze Zeit geführt hatte, indem er ihr den Wunsch ins Herz gelegt hatte, die Wahrheit zu suchen.
Plötzlich taucht Unterdrückung auf
Von nun an verteidigte sie mutige Regimegegner vor Gericht. «Ich musste keine Klienten suchen. Sie fanden mich, weil sie wussten, dass ich Christin geworden war. Gott zeigte mir, dass er einen Plan für mich hatte: Ich sollte Christen und Menschenrechtsfälle in Rumänien verteidigen.»
Nachdem Virginia Prodan begonnen hatte, Dissidenten zu vertreten, wurde sie von Ceaușescus berüchtigter Geheimpolizei «Securitate» überwacht. Diese Behörde kontrollierte die Medien und unterdrückte die Bevölkerung brutal.
Immer wieder wurde sie verhaftet und gefoltert. «Sie schlugen meinen Kopf auf den Tisch, bis ich blutüberströmt war. Sie schlugen mich gegen die Wand, bis ich keine Luft mehr bekam. Sie taten alles, um mich einzuschüchtern.»
«Ich hatte mehr Frieden als sie»
«Ich hörte oft das Telefon im Verhörraum klingeln und den Diktator schreien. Ich wusste nicht, ob er den Befehl gab, mich zu töten. Aber ich hatte mehr Frieden als sie.»
Während der Folter erlebte sie die Gegenwart Jesu besonders intensiv. «Ich hörte ihn flüstern: Sag ihnen, dass ich sie liebe.»
Trotz ihrer Schmerzen sagte sie zu ihren Peinigern: «Mir gefällt nicht, was ihr tut, aber Gott liebt euch, und ich entscheide mich, euch zu lieben.» Die Männer fingen an zu weinen und wandten sich ab. Sie wussten nicht, wie sie mit ihr umgehen sollten. «Erst im Himmel werde ich wissen, wie viele von ihnen Christus angenommen haben.»
Regierung schickt Attentäter in ihr Büro
Als Ceaușescu erfuhr, dass US-Präsident Ronald Reagan sich für Virginia Prodan interessierte und erwog, Rumänien den wirtschaftlichen Sonderstatus zu entziehen, befahl er, sie zu ermorden.
«Er beschloss, einen ‘Kunden’ in mein Büro zu schicken – den Attentäter. Er sagte zu mir: ‘Ich bin nicht dein Kunde. Ich bin hier, um dich zu töten.’ Dann richtete er die Waffe auf mich, und ich dachte: ‘Das war's. Ich werde sterben.’»
Während der Attentäter sie anschrie, reagierte Virginia auf die einzige Weise, die sie kannte.
«Ich sah ihn an und begann, ihm das Evangelium zu verkünden. Er war ein Mensch wie ich – auf der Suche nach der Wahrheit, genau wie ich es viele Jahre zuvor war», erinnert sich Virginia. «Während ich ihm von Jesus erzählte, sah ich, wie sich der Mann, der eben noch geschrien hatte, durch die Kraft Gottes veränderte.»
Attentäter verlässt Büro als neuer Mensch
Statt Virginia Prodans Leben zu nehmen, nahm der Attentäter Christus in sein Herz auf. «Er verliess mein Büro als ein wahrhaft freier Mensch – als Bruder in Christus. Unsere Leben sollten sich für immer verändern.»
In ihrem Buch «Saving my Assassin» erzählt sie ihre bewegende Geschichte ausführlich – und es enthält sogar ein Kapitel, das ihr ehemaliger Attentäter selbst geschrieben hat. Darin beschreibt er seine erstaunliche Wandlung, die ihn schliesslich in den Dienst Gottes führte. Heute lebt Virginia Prodan in den USA und arbeitet als Anwältin für Menschenrechte.
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Datum: 04.04.2025
Autor:
Mark Ellis / Abigail Robertson / Daniel Gerber
Quelle:
God Reports / CBN / Übersetzung: Jesus.ch