Jesus statt Haile Selassie
«Schon im Gymi spielte ich als Gitarrist in einer Band», erzählt Remo Eisenlohr. Damals begann der heute 44-Jährige, sich für soziale Gerechtigkeit einzusetzen, schloss sich linken Demonstranten an, ging auf die Strasse. Als einige davon es legitim fanden, sich in Geschäften gratis zu bedienen, war er irritiert: «Meine Eltern führten den Dorfladen – ich hätte es nicht toleriert, wenn sie bestohlen worden wären.» Enttäuscht wandte er sich von seinen Genossen ab, erkannte: «Politik ist nicht die Lösung.»
Als sich seine Eltern nach seiner Matura scheiden liessen, stürzte ihn das in ein tiefes Loch. «Meine behütete katholische Kindheit war mit einem Schlag vorbei.»
Zwischenzeit
Aus Überzeugung verweigerte er den Militärdienst: «Ich bin für den Frieden, wie soll ich da das Kriegshandwerk lernen?», argumentierte der rebellische junge Mann. Er absolvierte Zivildienst in einem Heim für Menschen mit Behinderung, half im Laden des Vaters aus, genoss das Partyleben, engagierte sich als DJ. Durch seine Begeisterung für Reggae stiess er auf den religiösen Hintergrund der Rastafari-Bewegung. Der äthiopische Kaiser Haile Selassie gilt als Nachkomme des biblischen Königs David und wird von gewissen Anhängern wie ein Gott verehrt. Er hatte sein Land vor dem Islam und das Christentum als Staatsreligion bewahrt. In vielen Liedtexten erkannte Remo den christlichen Bezug. Es wird auf Jah (Gott) hingewiesen, zu einem gerechten Leben aufgefordert. «Ich war spirituell auf der Suche, reiste nach Jamaika und kehrte ernüchtert heim», erinnert sich Remo. Er begann, Ethnologie zu studieren, doch nach zwei Jahren gab er es wieder auf. «Ich war zu bekifft, als dass ich diszipliniert am Thema hätte bleiben können», gibt er zu.
Entführt und bedroht
Er machte Musik, erteilte Nachhilfe- und Gitarrenunterricht, jobbte, dann reiste er erneut nach Jamaika. «Ich war stolz und ein sturer Bock», findet er heute. Nun traf er Leute, die ihm anboten, seine Musik in einem Tonstudio aufzunehmen. Doch das Vorhaben wurde zum Desaster. Immer mehr «Helfer» stellten sich ein und verlangten eine Bezahlung, die so nie vereinbart worden war. «Ich habe nicht genug Bargeld hier», argumentierte er. «Dann bringen wir dich zur Bank», gaben sie zurück.
Aber der Chauffeur fuhr nicht in die Stadt, sondern Richtung Slum. Remo realisierte: «Die entführen mich und niemand weiss davon…» Er wurde in eine dunkle Hütte gedrängt und bedroht, sollte sofort eine grosse Summe bezahlen. Remo wehrte sich, versprach, am nächsten Tag Geld abzuheben: «Jah ist auf meiner Seite!», behauptete er und erreichte tatsächlich, dass er zu seinem Hotel zurückgebracht wurde. Die Entführer durchwühlten sein Hotelzimmer, nahmen seinen Pass und die Singleplatten mit, die er immer mit sich trug. Remo zog sich an einen Strand zurück, um sich zu erholen. Zwei Wochen später traf er sie wieder, schleuderte er ihnen ein Couvert mit Geld vor die Füsse: «Mehr gibt es nicht!» Einer schnappte es, warf ihm Pass und Singles zu und brauste davon. Überrascht erkannte Remo: «Gott hat mich gerettet!»
Was soll ich hier?
Zurück in der Schweiz organisierte er wieder Partys und betätigte sich als DJ, genoss das Ansehen, das er so gewann. Er sammelte weiter Reggae-Platten und handelte damit. Doch sein Leben erfüllte ihn nicht. «Ich war deprimiert, sah keinen Sinn in meinem Dasein und stieg mehr als einmal auf ein Hochhaus, um mich hinunterzustürzen.» Doch plötzlich erinnerte er sich an eine Aussage aus dem Rastafari: «Ich werde mich dir offenbaren.» Er fühlte sich persönlich angesprochen und verliess das Dach. Wieder hatte Gott ihn bewahrt. «Nachher hatte ich nie mehr Suizidgedanken», bestätigt Remo.
Die Frau seines Lebens
Beim nächsten Einsatz in einer sozialen Institution traf der 28-Jährige auf eine ehemalige Schulkameradin. Sie hatten sich schon in der Mittelstufe sehr gemocht, nun arbeitete Miriam als Sozialpädagogin im gleichen Haus. Sie war eben aus einer toxischen Beziehung ausgestiegen und spürte bei Remo eine Wertschätzung, die sie bisher nicht kannte. Die beiden wurden ein Paar und zogen in seiner WG zusammen.
Als Miriam 2014 schwanger wurde, heirateten sie. «Immer wieder taten sich Türen für mich auf, die ich nie erwartet hätte», berichtet Remo dankbar. Er wurde von einem ehemaligen Arbeitgeber angefragt, ob er in der Werkstatt beeinträchtigte Mitarbeiter anleiten wolle. Bald wechselte er jedoch auf die Wohngruppe und wurde schliesslich deren Leiter. «Ich bin kein Handwerker, sondern Kopfmensch», resümiert Remo. Ein Studium hatte ihn nicht mehr gereizt, nun holte er berufsbegleitend Ausbildungen nach und ist seit fünf Jahren als Teamleiter tätig.
«Wahre Freiheit liegt in der Abhängigkeit von Gott»
Vor vier Jahren bekam Remo die Möglichkeit, eine aussergewöhnlich umfangreiche Reggae-Plattensammlung zu kaufen. Er konnte sein Glück nicht fassen und fragte den Verkäufer, warum er sich davon trenne. «Ich bin Jesus begegnet, nun brauche ich sie nicht mehr», erklärte der. Remo war tief bewegt – er kannte sein eigenes Suchtverhalten, wenn es um die begehrten Scheiben ging. Und dieser Mann konnte die wertvollen LPs einfach loslassen... «Ich hätte begeistert sein sollen über den Kauf, aber es war, als würde Gott fragen: Brauchst du noch mehr Platten? Erfüllen sie dich?» Auch seine Frau hatte sich vor ein paar Monaten von ihrer Verstrickung in der Esoterik gelöst und folgte Jesus nach.
Der zweifache Familienvater begann, die Bibel und weitere Bücher zu lesen und besuchte schliesslich die christliche Konferenz «Mehr». «Die Musik traf mich mitten ins Herz», erinnert er sich. Er sog die Vorträge auf, überprüfte, was er gehört hatte. Ein paar Tage später wusste er glasklar: «Ich bin ein Sünder, brauche Vergebung.» Auf den Knien übergab er sein Leben Jesus und erlebte seine Gnade. Seine Partys, Alkohol- und Cannabiskonsum, Frauengeschichten wurden ihm nicht vorgehalten. Er kannte seinen Widerstand, sich zu unterordnen und spürte doch: «Wahre Freiheit liegt in der Abhängigkeit von Gott.» Nun schnitt er auch seine Dreadlocks ab, mit denen er sich jahrelang identifiziert hatte. «Mit ihnen fiel eine Last von mir ab.» Dankbar ist das Paar nun gemeinsam in den Fussstapfen des Gottessohns unterwegs. Sie sind sicher: «Unsere Ehe steht nun auf einem guten Grund.»
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